Macht Neuseeland Sinn fĂŒr mich?
FĂŒr wen macht eine Auswanderung nach Neuseeland Sinn?
In den letzten cirka 18 Monaten hat sich unser typisches Kundenprofil etwas verĂ€ndert. Daran ist mal wieder die allgemeine Wirtschaftskrise schuld, die heutzutage ja fĂŒr alles herhalten muĂ. Der typische Einwanderer aus Deutschland, soweit es einen solchen Menschen ĂŒberhaupt gibt, sieht also anders aus als noch vor ein oder zwei Jahren. Was hat sich also geĂ€ndert?
Rein rechtlich hat sich eigentlich nicht viel getan. Nach wie vor qualifizieren sich die meisten Einwanderer aufgrund der sog. Skilled Migrant Category (SMC), einem Punktesystem, das Einwanderungsaspiranten je nach Ausbildung, Berufserfahrung, Alter und Jobmöglichkeiten in Neuseeland bewertet. Das Punktesystem ist Teil eines Quoten-Management-Systems. Die Einwanderungsquote, die es zu managen gilt, liegt bei 45.000 bis 50.000 Einwanderern pro Jahr. Diese Quote wurde (im Gegensatz zu Australien!) auch wĂ€hrend der Weltwirtschaftskrise nicht geĂ€ndert, sondern im Juli 2009 ausdrĂŒcklich bestĂ€tigt. Die EinwanderungstĂŒr ist also noch genauso weit geöffnet wie eh und je â trotz Krise!
Das SMC-Punktesystem sieht vor, dass diejenigen, die ausreichend Punkte erzielen, aus einem Pool von Interessenten (Expression of Interest Pool) ausgewĂ€hlt und eingeladen werden, einen Residence Antrag zu stellen. Jede EOI (Expression of Interest) kann bis zu sechs Monate im Pool bleiben, mit der Chance ausgewĂ€hlt zu werden. Alle zwei Wochen findet eine Pool-Ziehung (Pool Selection) statt. Wieviel Punkte jeweils nötig sind, schwankt je nach Bedarf, gemessen an der oben genannten Jahresquote. Je mehr sich bewerben und je höher qualifiziert die Bewerber sind, desto höher wird die (Punkte-)Latte gesetzt, die fĂŒr eine erfolgreiche Einwanderung ĂŒbersprungen werden muĂ. Momentan liegt die Latte ziemlich tief. Um in der obigen Metapher zu bleiben â die Latte die man ĂŒberspringen muĂ, bevor man durch die offene EinwanderungstĂŒr schreiten darf, ist auf gleicher Höhe geblieben, bzw. in manchen Ziehungen sogar niedriger gesetzt worden als in Zeiten vor der Krise.
Hier ein paar Fallbeispiele meiner Kunden, die in letzter Zeit die Latte ĂŒberspringen konnten:
- Ăsterreichischer Koch mit Weiterbildung zum DiĂ€tkoch, Ende 30, mit cirka sechs Jahren Berufserfahrung.
- Ein PĂ€rchen, beide Mitte bis Ende 30, er ist Magister der Politologie mit cirka sechs Jahren Berufserfahrung im Bereich Informationstechnologie, sie ist Volljuristin.
- Diplom Wirtschaftsinformatiker, Ende 20, mit zwei Jahren relevanter Berufserfahrung
- Staatlich geprĂŒfter Holztechniker, Anfang 30 mit cirka sechs Jahren Berufserfahrung.
- Ein Ehepaar aus der Schweiz, beide Mitte 30, beide haben ein abgeschlossens Hochschulstudium im Bereich Betriebswirtschaft, er kann acht Jahre Berufserfahrung nachweisen.
- Ein Ehepaar aus Deutschland, Mitte bis Ende 30, sie ist TierĂ€rztin mit ĂŒber zehn Jahren Berufserfahrung, er kann ein abgeschlossenes Hochschulstudium nachweisen.
Alle oben aufgefĂŒhrten Kunden haben ausreichend Englischkenntnisse, um den im Einwanderungsverfahren in der Regel erforderlichen Englischtest zu bestehen. Allerdings kann keiner von ihnen eine Anstellung oder ein Job-Angebot in Neuseeland nachweisen. Ja! Sie lesen richtig: es ist möglich, einen Residence Permit fĂŒr Neuseeland zu erhalten, ohne einen Arbeitgeber nachweisen zu mĂŒssen, der einen anstellen will!
Nachteil eines Antrages ohne Job Offer ist allerdings, dass es momentan recht lange dauert, bis der Antrag bearbeitet wird, da AntrĂ€ge mit Job Offern vorgezogen werden. AuĂerdem wird Immigration New Zealand, die neuseelĂ€ndische Einwanderungsbehörde, vor Genehmigung des Antrages auf Permanent Residence ein TelefongeprĂ€ch mit den Kandidaten fĂŒhren, um einzuschĂ€tzen, wie gut die Antragsteller sich hier in Neuseeland, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, integrieren können. Auf das Interview sollte man sich gut vorbereiten, denn es gibt, je nachdem, wie das Inteview verlĂ€uft, drei Entscheidungsmöglichkeiten:
Erstens: Theoretisch kann es zu einer Ablehung kommen, wenn man sich im Interview nicht gut âverkaufenâ konnte. Bis heute ist das bei meinen Kunden allerdings noch nicht vorgekommen.
Zweitens: Falls Immigration New Zealand noch nicht 100% davon ĂŒberzeugt ist, dass eine Integration auf dem Arbeitsmarkt möglich ist, wird zunĂ€chst ein Work to Residence Permit erteilt, der den Antragstellern dann neun Monate Zeit gibt, vor Ort in Neuseeland einen Job (sog. Skilled Employment) zu finden. Dieser Work to Residence Permit macht die Arbeitssuche dann etwas einfacher, als wenn man ohne Arbeitserlaubnis suchen mĂŒĂte.
Drittens: Wer Immigration New Zealand davon ĂŒberzeugen kann, dass er oder sie hier in Neuseeland sehr realistische Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, erhĂ€lt sofort einen Residence Permit (unbefristete Daueraufenthaltserlaubnis). Die Einwanderer können dann, in welchem Beruf auch immer, hier in Neuseeland arbeiten oder, falls die Finanzen es zulassen, sich hier auch zur Ruhe setzen.
Ăberraschend? Sollte man nicht meinen, dass in Zeiten der Krise die EinwanderungstĂŒren weiter geschlossen werden oder zumindest die Selektionskriterien verschĂ€rft werden, also die Latte höher gesetzt wird? Wer nicht sachkundig die Meldungen aus Neuseeland verfolgt, könnte leicht zu dieser Ăberzeugung gelangen, denn im Laufe des letzten Jahres ist folgendes passiert:
- Entlassungen neuseelĂ€ndischer Arbeitnehmer, obwohl in der gleichen Firma AuslĂ€nder mit Work Permits, also befristeten Arbeitserlaubnissen, arbeiteten. Ăber diese FĂ€lle wurde ausfĂŒhrlich in den neuseelĂ€ndischen Medien berichtet. Die öffentliche Meinung zum Thema auslĂ€ndischer Arbeitnehmer wurde dadurch beeinfluĂt.
- Im Juni 2009 wurden 44 Berufe von der sog. Immediate Skill Shortage Liste gestrichen. Berufe, die auf dieser Liste aufgefĂŒhrt sind, gelten als Mangelware hier in Neueseeland. Work Permit AntrĂ€ge in solchen Berufen werden bei Work Permit AntrĂ€gen bevorzugt behandelt. Insbesondere Handwerksberufe sind von der Liste gestrichen worden, darunter Tischler, Kfz-Mechaniker, Klempner und Schlosser, um nur einige zu nennen.
- Selbst Work Permit AntrĂ€ge fĂŒr Berufe, die noch auf der Immediate Skill Shortage Liste stehen, werden in manchen FĂ€llen abgelehnt. BegrĂŒndung: die Antragsteller können die Mindestanforderungen in Sachen Ausbildung nicht nachweisen. Ăber dieses Erfordernis wurden in den vorangegangenen Jahren stets hinweggesehen. Jetzt schaut man genau auf die Buchstaben des Gesetzes!
- AntrĂ€ge auf VerlĂ€ngerung bestehender Work Permits werden abgelehnt, selbst bei Antragstellern, die schon zwei oder drei Jahre in Neuseeland arbeiten und die volle UnterstĂŒtzung ihrer Arbeitgeber haben.
Der Grund fĂŒr diese VerschĂ€rfungen ist schnell genannt und einfach zu verstehen: der neuseelĂ€ndische Arbeitsmarkt soll vor auslĂ€ndischen Arbeitnehmern geschĂŒtzt werden. Es gilt die Devise âKiwis firstâ â erst wenn keine NeuseelĂ€nder fĂŒr eine offene Stelle zu finden sind, werden Work Permits (zeitlich befristete Arbeitserlaubnisse) fĂŒr AuslĂ€nder genehmigt.
An dieser Stelle muà betont werden, dass diese Devise bei AntrÀgen auf Permanent Residence (also zeitlich unbefristete Aufenthaltserlaubnisse) nicht gilt. Wer einen Job Offer im Rahmen eines Residence Permit Antrages nachweisen kann, wird mit Punkten belohnt, und zwar unabhÀngig davon, ob der Job von einem NeuseelÀnder besetzt werden kann oder nicht.
Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Auf der einen Seite werden die Einwanderungsbedingungen erleichtert und Jobs, die potentiell ArbeitsplĂ€tze fĂŒr NeuseelĂ€nder wegnehmen, mit Punkten belohnt, wĂ€hrend auf der anderen Seite MaĂnahmen ergriffen werden, um den neuseelĂ€ndischen Arbeitsmarkt zu schĂŒtzen!
Der Grund fĂŒr diese scheinbar widersprĂŒchlichen Handhabungen liegt in den unterschiedlichen Ausrichtungen der Work- und Residence Permit Regeln. Work Permits dienen ausschlieĂlich den neuseelĂ€ndischen Arbeitgebern. Es soll den neuseelĂ€ndischen Unternehmern ermöglicht werden, ArbeitskrĂ€fte aus dem Ausland temporĂ€r zu rekrutieren, wenn in Neuseeland keine FachkrĂ€fte zu finden sind. Die Residence Regeln sind dagegen geschaffen worden, weil auf politischer Ebene erkannt wurde, dass mittel- bis langfristig Einwanderung gut fĂŒr Neuseeland ist. Man will daher bewuĂt cirka 50.000 Einwanderer pro Jahr fĂŒr Neuseeland gewinnen â unabhĂ€ngig von kurzfristigen BedĂŒrfnissen des Arbeitsmarktes!
Der Widerspruch ist also gewollt, auch wenn es im Einzefall zu Ungerechtigkeiten und UnverstĂ€ndnis fĂŒhren kann. Wieso aber hat das einen Einfluss auf das typische Profil meiner Kunden? Der SchlĂŒssel fĂŒr die ErklĂ€rung liegt im fĂŒr den Residence Antrag erforderlichen Englischtest. Wer nĂ€mlich nachweisen kann, dass er mindestens ein Jahr in Neuseeland (mit einem Work Permit) gearbeitet hat, dem wird im Residence Verfahren der Englischtest in der Regel erlassen. Das war frĂŒher die Eintrittskarte fĂŒr âmeineâ Kfz-Mechaniker, Tischler und Schlosser, denn den recht anspruchsvollen Englischtest bestanden nur die wenigsten Handwerker. Ăber den Umweg eines Work Permits konnte ich dann nach einem Jahr auch den Residence Permit Antrag einreichen. Das geht nun leider nicht mehr â folglich zĂ€hle ich nur noch wenige Handwerker unter meinen Kunden.
Auf der anderen Seite, hat es sich immer mehr herumgesprochen, dass sich gut qualifizierte und junge Auswanderer, wie in den obigen Fallbeispielen beschrieben, unter gewissen Voraussetzungen fĂŒr einen Residence Permit qualifizieren können, ohne sich im Vorfeld um einen Job kĂŒmmern zu mĂŒssen.
Wie lange das noch so bleiben wird? Diese Antwort werde ich Ihnen schuldig bleiben, denn Wirtschaftsprognosen sind so unsicher wie Wettervorhersagen. Eins steht aber fest: genauso wie sich das Wetter wieder Ă€ndern wird, werden in Neuseeland auch wieder Handwerker gebraucht werden und folglich auch wieder Work Permits erhalten. Fragt sich eben nur, wann? In der Zwischenzeit sei es dem Wirtschaftsinformatiker gegönnt, seinen Neuseelandtraum zu erfĂŒllen!




Peter Tetzlaff 
