Braindrain
Das Thema scheint die Medien überall zu faszinieren. Gute Kräfte verlassen fluchtartig das Land und lassen den Rest allein in der Heimat zurück – nach dem Motto, der letzte macht das Licht aus! Das erinnert einen irgendwie an die 80iger Jahre, oder? Als der Osten rüber nach dem Westen machte! Nur verhinderte damals die Zensur, dass Millionen dabei am Bildschirm zusehen konnten. Im freien Westen ist das natürlich anders – da kann man Woche für Woche Schritt für Schritt mitverfolgen, wie Landsgenossen Deutschland den Rücken kehren.
Ist es wirklich so schlimm? Die Antwort ist eindeutig: Nein! Mit der Massenflucht aus der DDR kann man das nicht vergleichen – es ist wohl eher der Fernseheffekt, alles zu aufzubauschen. Das gemäßigte Wort, “Braindrain“ ist da wohl angemessener. Bis vor kurzem war mir nicht bewusst, dass das Wort nun auch Eingang in die deutsche Sprache gefunden hat – es war für mich eher ein Wort, das die neuseeländische Situation beschreibt – hier wandern die Leute auch aus! Es vergeht keine Woche, wo in den neuseeländischen Medien nicht der Verlust von qualifizierten Kräften nach Australien, England oder den USA bedauert wird. Neuseeländische Ärzte, Manager und Handwerker suchen Ihr Glück in Übersee! Es gibt sogar Schätzungen, dass bis zu einer Million Neuseeländer außerhalb Neuseelands leben – bei einer Population von nur 4 Millionen ein erstaunlicher Anteil! Die meisten zieht es nach Australien. Gründe für die Auswanderung der Neuseeländer sind:
- Kariere und damit verbunden bessere Verdienstmöglichkeiten
- Wärmeres Klima (bei denen, die nach Australien gehen)
- Neugierde/Abendteuer (weg von der Isolation der Insel)
Der Drang nach Übersee ist bei Neuseeländern traditionell groß! Es gibt kaum jemanden, der nicht irgendwann in seinem Leben – meistens vor, während oder nach der Ausbildung - ein Jahr oder länger im Ausland gelebt und gearbeitet hat. Mann nennt es OE (kurz für Overseas Experience) und gehört einfach zum guten Ton, denn ohne OE wird man hier in Neuseeland eher als etwas grün hinter den Ohren eingeschätzt.
Dementsprechend ist der Umgang mit dem Thema Braindrain auch nicht so emotionsgeladen wie das in Deutschland der Fall zu sein scheint. Es ist mehr ein volkswirtschaftliches Problem. Es gibt daher hier auch keine Soap Docos (ich glaube das ist der Fachausdruck für diese Form von Reality TV) über Auswanderer aus Neuseeland! Braindrain ist für die Medien ein Thema wie Inflation oder steigende Hauspreise und da stecken eben keine Soap Docos drinnen.
Auch das Wort Auswanderung (Emigration) wird von Neuseeländern selten in diesem Zusammenhang benutzt. Man lebt eben im Ausland – no big deal! So betrachtet, fragt man sich, wo aus deutscher Sicht der big deal ist? Ist es nicht eine Funktion der Globalisierung (um das sehr strapazierte Wort auch in diesen Zusammenhang zu drängen), dass es eben Polen gibt, die in Deutschland leben und Deutsche, die in Neuseeland oder anderswo leben?
„Und wie fühlt Ihr Euch jetzt denn so?“ klingt die immer wiederkehrende Frage in meinem Ohr, die der Fernsehautor meinen (armen) Kunden stellte. Nur eine Frage der Zeit, bis ein abgebrühter Protagonist „no big deal“ antwortet?
Den erneuten Vergleich mit der DDR kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen: es fällt auf, dass die Ossis unter meinen Kunden überproportional vertreten sind, und zwar meist die, die vor oder nach der Wende in den Westen umgezogen sind. Auswanderung? No big deal – been there done that!
Die “Normalisierung” der Auswanderung führt dann vielleicht auch zu informativeren Sendungen, als die, die zumindest ich kenne. Hoffentlich kann man dann auch vermeiden, dass die Filmauswanderer nach über 24 Stunden im Flugzeug noch stundenlang hinter der Absperrung warten müssen, bis das Kamerateam endlich fertig ist, um die emotionale Ankunftsszene spontan nachzustellen…(im Mai 2007 bei Kabel 1 zu bewundern!)





Peter Tetzlaff