„Eigentlich müsste man auswandern“ (Vorwort zur ersten Auflage)
An einem Donnerstag kauften sie die Zeitschrift, am Freitag kündigten sie ihre Jobs. Ein paar Wochen später waren sie tatsächlich weg. Von mindestens zwei Familien weiß ich, bei denen es genau so lief: sie hatten zufällig eine Reportage über Auswanderer gelesen, zufällig eine von mir. Und selten war ich über die Wirkung von ein paar harmlosen Zeilen so erschrocken.
Es stand sicher nichts Falsches in dem Artikel, ein paar Eindrücke, Erfahrungen, Tipps - alles sauber vor Ort recherchiert. Und trotzdem: Man kann doch nicht Hals über Kopf die Koffer packen und sein ganzes Leben umkrempeln, nur weil irgendetwas in der Zeitung steht!
Sie waren vorher nie in Neuseeland. Sie hatten keine Ahnung, ob das Land auf Lkw-Fahrer oder arbeitslose Bauzeichner wartet. Sie sprachen so gut Englisch wie ihre kleinen Kinder gerade ihre ersten Worte Deutsch. Sie hatten nicht genug Geld, um es dort erst mal ruhig angehen zu lassen, sondern gerade genug für den Container und vielleicht ein, zwei Monate vor Ort. Sie hatten nicht mal eine konkrete Vorstellung oder den Finger schon ewig auf der anderen Hälfte des Globus. Sie hatten es einfach satt.
Heimatfrust ist immer noch das häufigste Motiv für Auswanderer: Schlechtes Wetter, das wirtschaftliche Klima kaum besser, kurze Tage, lange Winter und das Gefühl, dass sich nicht mehr viel bewegt im eigenen Leben oder dort, wo man bisher zu Hause war. An trüben Novembertagen ist die Sehnsucht nach der Fremde sogar messbar. Dann schießen die Seitenzähler im Internet plötzlich in die Höhe, wühlen sich Tausende Mitteleuropäer gleich-zeitig durch Foren und Infoseiten - suchen, schwärmen, träumen. Neuseeland steht bei vielen ganz oben auf der Wunschliste. Trotzdem bleibt es für die meisten beim Konjunktiv: “eigentlich müsste man auswandern.”
Umfragen zufolge sehnt sich jeder dritte Mitteleuropäer nach einem besseren Leben an einem besseren Ort. Dass viele trotzdem zögern hat viele gute Gründe: den Beruf oder das Häuschen, Kinder oder eigene Eltern, die nicht jünger werden, die Sprache, die Anerkennung der Ausbildung, das sich ständig ändernde Punktesystem - vor allem aber die Angst vor dem, was einen wirklich erwartet.
Kein Ratgeber kann diese Erfahrung ersetzen, vorweg nehmen oder fahrlässig ausblenden. Deshalb geht es in diesem Buch vor allem um Leute, die den entscheidenden Schritt schon hinter sich haben. Sie wissen am Besten, was alles schief gehen kann, wo Fehler und Enttäuschungen lauern, welche Träume wahr werden und was womöglich noch viel besser lief, als in der kühnsten Vorstellungen erhofft.
Kombiniert mit den Ratschlägen von Peter Hahn, der Einwanderer seit Jahren nicht nur bei dem komplizierten Prozedere vorab sondern später auch noch vor Ort berät, soll es wenigstens die Entscheidung erleichtern, die man nur einmal im Leben trifft und die mit dem Antrag auf ein Visum noch lange nicht ausgestanden ist. Denn dann geht das Abenteuer erst richtig los.
Muss man wirklich alle Brücken abbrechen, um sich auf die neue Heimat richtig einlassen zu können - oder darf man auch heimlich eine Rückfahrkarte in der Tasche haben? Soll oder muss man auch die Staatsbürgerschaft ändern? Wie ist das mit den Ansprüchen aus Renten- und Sozialversicherung? Selbst scheinbar simple Fragen wie die, ob der Hund mit darf oder der Stecker vom Kühlschrank noch passt, treten irgendwann auf.
Natürlich wird es auch Anfälle von Heimweh, Reue und Zweifel geben. Nicht zuletzt deshalb ist eine der wichtigsten Fragen, ob Neuseeland wirklich das richtige Land ist - oder besser selbstkritisch: bin ich der Richtige für Neuseeland? Oft sind es gerade diejenigen, die vor einem 18-Stunden-Job in Europa flüchten, denen es schwer fällt, die eigenen Ansprüche an Arbeit und Einkommen tatsächlich herunter zu schrauben, denen die Bodenständigkeit der neuen Heimat schnell auf die Nerven geht und die erst nach ein paar Monaten merken, dass ihnen Freundschaften fehlen, wie sie das kannten, Verwandte und schriftliche Verträge - dass es eben nicht nur etwa 20 000 Kilometer sind.
Neuseeland verspricht ein Stück heile Welt. Viel Natur und ein ruhigeres Leben. Alles Klischees, alles wahr und doch ganz anders. Selbst, dass es weiter weg von zu Hause kaum geht, zählen viele noch zu den Vorteilen, und merken dann, dass das Ende der Welt letztlich auch nur eine Frage des Standorts ist: das Gefühl, weg zu sein, verfliegt schnell - das Ankommen dauert länger. Der schönste Strand wird irgendwann langweilig. Und wer gar vor persönlichen Problemen flüchtet, wird sie wahrscheinlich mit nach Neuseeland nehmen.
Dass es nicht auf das Weggehen ankommt sondern auf das Ankommen, haben auch die beiden Familien schnell gemerkt, die nach dem Artikel ihre Sachen für immer gepackt haben. Das mit der Arbeit hatten sie sich einfacher vorgestellt und haben in ungeheizten Häusern gefroren. Sie sind mehrmals umgezogen und hatten immer Angst, wenn das Telefon klingelte. Entweder war die weinende Schwiegermutter in Deutschland dran oder eine Arbeitsvermittlerin, bei der sie kein Wort verstanden außer den letzten Satz: sie sollten sich doch wieder melden, wenn sie besser Englisch könnten. Sie haben gekämpft, gehadert und sich schließlich selbstständig gemacht. Bereut haben sie es nie. Holger Witzel
Holger Witzel ist Reporter bei der deutschen Illustrierten “stern”. Nach einem Artikel über Auswanderer “ertranken” er und Immigrations-Berater Peter Hahn in Anfragen und entwickelten die Idee für einen Ratgeber, der vor allem auf echten Erfahrungen von Auswanderern baut.





Peter Tetzlaff 
